ALEXANDRE  N. OSIPOV
   

       Sibylle SPAHLINGER

      Gedanken zu der Malerei
      von Alexandre N.OSIPOV


Osipov malt phantastisch schöne Bilder. Sie sind stimmig in Komposition, Form, Farbe und Handwerk. Er malt Bilder ohne Bruch, ohne Stielverschiebung. Er malt sie in dem ungebrochenen Verständnis des Künstlers für sein eigenes Werk.
Das Malen scheint seine Liebe zu sein. Es entführt ihn ins Reich der Illusion, in eine Fabelwelt, in die reine Schönheit. Er lebt von dieser Malerei, die für uns Europäer einmalig ist, wie ein Relikt, das aus früheren Jahrhunderten wieder aufersteht - nur mit einem uns fremden Sinngehalt.
Was meinen seine Bilder? Realismus, Surrealismus, Primitivismus - von allem etwas und doch etwas ganz anderes. Wie auch die europäische Kunst in der Zeit des großen Umbruchs verwendet auch Osipov die Darstellung in seinen Bildern anachronistisch, setzt sie scheinbar willkürlich in den Raum. Vergangenes, Gegenwärtiges und Utopisches vermischen sich. Die Szenen lösen sich aus ihrem Zusammenhang, jedes Ding steht für sich allein. Der Betrachter sucht nach der Erklärung, nach dem Schlüssel für Metapher und Symbol.
Sind es Symbole? Oder meint der Künstler wirklich nur die Figur im Raum - Schachfiguren, die auf einem imaginären Raster geheimen Regeln folgen, die dem Betrachter verborgen bleiben.
Diese Malerei in ihrer Virtuosität wohnt der russischen Schule inne. Es gibt dort noch eine tradierte, auf solides Handwerk Wert legende Ausbildung in der Ölbildmalerei, die im Westen durch Fotografie und Grafik abgelöst wurde. Ich habe viele auf diese klassische Art entstandene Kunstwerke gesehen. Osipovs Bilder zeichnen sich durch außergewöhnliche Klarheit und Präzision in der Darstellung, durch große Fähigkeit in der Vermittlung einer Atmosphäre und durch außergewöhnliches handwerkliches Können aus.
Die Konfrontation mit der realistischen Darstellung, die in so überzeichneter Weise unreal und phantastisch wird, ist Osipovs Handschrift. Eines seiner Markenzeichen ist das Chamäleon, oft in der Ecke seiner Bilder zu finden, immer in anderen Farben. Das Tier, das sich seiner Umwelt anpasst, sich perfekt tarnen kann, bis man es nicht mehr sieht. Anpassung indessen kann nicht der Weg des Künstlers sein.
Die schwebenden Eier - ein weiteres Symbol bei Osipov. Das Ei: Beginn des Lebens, das Behütete, das sich Entwickelnde, das Vollkommene. Schweben: Das heißt Verharren, Bewegungslosigkeit. Und vielleicht meint der Künstler damit auch die russische Realität. Das slawische Temperament, das Recht auf Leben und der Wunsch nach Schönheit und Harmonie im Zustand der absolute Bewegungslosigkeit. Auch die Frauengestalten, denen in Osipovs Bildern viel Bedeutung zukommt, verkörpern diese bewegungslose pure Schönheit. Man könnte meinen, Osipov dreht das Spiel zwischen Objekt und Betrachter um. Die Bewegung liegt bei letzterem, in seinen Gedanken und Wünschen, von denen das Objekt berührt wird, denen es aber letztlich trotzt. Schönheit kann eine Waffe sein, an der das Gefühl des Betrachters verzweifelt. Ich denke, dass das der Realismus des Alexandre Osipov ist.